Netmore übernimmt Actility: Was die größte LoRaWAN-Konsolidierung für Betreiber bedeutet
Netmore übernimmt Actility: Was die größte LoRaWAN-Konsolidierung für Betreiber bedeutet
Am 26. Januar 2026 hat die Netmore Group die Übernahme von Actility bekanntgegeben – und damit den bislang größten Zusammenschluss im LoRaWAN-Ökosystem besiegelt. Über 14 Millionen vertraglich gebundene IoT-Geräte, Deployments in mehr als 100 Ländern und Partnerschaften mit über 50 LoRaWAN-Netzbetreibern stehen ab sofort unter einem Dach. Für die LPWAN-Branche ist das kein gewöhnlicher M&A-Deal – es ist eine tektonische Verschiebung.
Doch was bedeutet diese Konsolidierung konkret? Für Netzbetreiber, für Unternehmen, die auf LoRaWAN setzen, und für alle, die offene Alternativen wie ChirpStack betreiben? Dieser Artikel analysiert die technischen, strategischen und marktpolitischen Implikationen – aus der Perspektive eines Technical Operators.
Wer sind Netmore und Actility?
Netmore Group
Netmore Group mit Sitz in Stockholm positioniert sich als führender globaler Netzbetreiber für Massive IoT. Die Zahlen vor der Übernahme sprechen für sich: 18 Länder mit aktiven Operations, über 800 Projekte weltweit, 3,4 Millionen verwaltete Geräte und mehr als 20.000 Gateways. Dazu ein Partner-Ökosystem von über 200 Unternehmen. Der Fokus liegt auf Utilities, Property Management und Enterprise IoT – alles Verticals, in denen Carrier-grade Zuverlässigkeit und lokaler Support nicht optional, sondern geschäftskritisch sind.
Hinter Netmore steht der nordische Infrastrukturinvestor Polar Structure – ein Zeichen dafür, dass hier langfristig gedacht wird, nicht in Quartalszyklen.
Actility
Actility, gegründet in Paris, gehört zu den Ur-Architekten der LoRaWAN-Spezifikation und ist Gründungsmitglied der LoRa Alliance. Die ThingPark-Plattform ist nicht einfach ein weiterer Network Server – sie ist eine multi-technologische IoT-Mediationsplattform, die neben LoRaWAN auch LTE-M, NB-IoT und Satellitenanbindung unterstützt. Hardware-agnostisch, mit offenen APIs und dem größten Katalog pre-integrierter IoT-Devices am Markt.
ThingPark ist de facto der am weitesten verbreitete kommerzielle LoRaWAN Network Server weltweit – deployed in über 50 Ländern, mit Industrial-grade Hochverfügbarkeit, Security-by-Design und 24/7-Monitoring. Tier-1-Telcos wie Orange nutzen ThingPark seit über zehn Jahren für ihre öffentlichen LoRaWAN-Netze. Über die Tochter Abeeway bietet Actility außerdem Multi-Technologie-Tracking mit ultra-niedriger Leistungsaufnahme.
Die Kombination: Netmore bringt 3,4 Millionen Geräte, 20.000+ Gateways und Carrier-Grade-Betriebserfahrung. Actility bringt die Plattform, das technologische Fundament und das globale Partnernetzwerk. Zusammen: 14 Millionen Geräte – das sind gut 11 % aller weltweit deployten LoRaWAN-Geräte, wenn man die von der LoRa Alliance geschätzten 125 Millionen (Stand Dezember 2025, bei einem CAGR von 25 %) zugrunde legt.
Was bringt die Übernahme technisch?
Die Pressemitteilung listet einige konkrete technische Additions auf, die über reinen Netzwerk-Footprint hinausgehen:
ThingPark Exchange (TEX) – Roaming Hub
TEX ist Actilitys Roaming-Plattform, die Public und Private LoRaWAN-Netzwerke verbindet. Partner wie Orange, KPN und Swisscom sind bereits angeschlossen. Für Netmore bedeutet das: Sofortiger Zugang zu einem funktionierenden Roaming-Ökosystem, statt eines von Null aufzubauen.
Roaming ist in LoRaWAN historisch ein wunder Punkt. Im Gegensatz zu Mobilfunk, wo Roaming-Abkommen seit Jahrzehnten standardisiert sind, war LoRaWAN-Roaming lange eher Theorie als Praxis. TEX ändert das – zumindest innerhalb des ThingPark-Ökosystems.
DLMS over LoRaWAN
DLMS (Device Language Message Specification) ist der Standard für Smart-Meter-Kommunikation. Die native Integration in LoRaWAN bedeutet: effizientere Datenübertragung für Utilities ohne zusätzliche Middleware. Gerade im deutschen und europäischen Smart-Metering-Markt, wo regulatorische Anforderungen hoch sind, ist das ein starkes Argument.
LoRaWAN Relay
Relay ist ein relativ junges Feature in der LoRaWAN-Spezifikation, das Geräte als Zwischenstationen nutzt, um die Reichweite zu erhöhen. Für Anwendungen wie Wasserzähler in Kellerräumen oder industrielle Sensoren in abgeschirmten Umgebungen kann das der Unterschied zwischen „funktioniert" und „funktioniert nicht" sein. Actility gehört zu den ersten, die Relay produktiv implementiert haben.
FUOTA (Firmware Update Over The Air)
Firmware-Updates sind in LoRaWAN notorisch schwierig – geringe Bandbreite, hohe Latenz, batteriebetriebene Geräte. Actilitys FUOTA-Implementierung ist besonders relevant im Kontext des EU Cyber Resilience Act (CRA), der ab 2027 Firmware-Update-Fähigkeiten für IoT-Geräte vorschreibt.
On-Premise High-Availability
Für regulierte Umgebungen (Energieversorger, Industrie) bietet Actility On-Premise-Deployments mit Hochverfügbarkeit. Das ist in einem Markt, in dem viele Betreiber ausschließlich Cloud-basierte Lösungen anbieten, ein Differenzierungsmerkmal.
Public vs. Private Networks: Was ändert sich?
Die LoRaWAN-Landschaft war lange gespalten: Auf der einen Seite öffentliche Netze (betrieben von Telcos oder spezialisierten Anbietern), auf der anderen private Netze (betrieben von Unternehmen für ihre eigenen Use Cases). Diese Welten existierten weitgehend parallel.
Netmore+Actility ändert die Dynamik in mehrerer Hinsicht:
Brücke zwischen Public und Private: ThingPark Exchange ermöglicht theoretisch nahtloses Roaming zwischen privaten und öffentlichen Netzen. Ein Utility-Unternehmen könnte ein privates Netz für seine Kerninfrastruktur betreiben und für Randgebiete auf öffentliche Netze zurückfallen – über einen einzigen Anbieter.
Hybrid-Modelle werden einfacher: Die Kombination aus Netmores Betriebsexpertise und Actilitys Plattform-Flexibilität (Cloud, On-Premise, Hybrid) macht gemischte Deployment-Modelle zugänglicher.
Skaleneffekte für Public Networks: Mit 14 Millionen Geräten unter Vertrag und über 20.000 Gateways entsteht eine kritische Masse, die öffentliche LoRaWAN-Netze wirtschaftlich tragfähiger macht – ein historisches Problem, an dem andere Betreiber gescheitert sind. Zum Vergleich: Die LoRa Alliance schätzt die Gesamtzahl weltweit deployter LoRaWAN-Geräte auf rund 125 Millionen (Stand Ende 2025). Netmore+Actility verwaltet also gut jedes zehnte Gerät.
Vendor Lock-in vs. Stabilität: Beide Seiten
Das Argument für Konsolidierung
Fragmentierung war eines der größten Hindernisse für die LoRaWAN-Adoption in Unternehmen. Ein CTO, der in LoRaWAN investieren möchte, stand bisher vor der Frage: Welche Plattform? Welcher Betreiber? Was passiert, wenn mein Anbieter in drei Jahren nicht mehr existiert?
Netmore+Actility beantwortet zumindest die Stabilitätsfrage. Ein Anbieter mit 14 Millionen Geräten, Backing durch einen Infrastrukturinvestor und Tier-1-Kunden wie Orange geht nicht so schnell weg. Für Enterprise-Kunden, die langfristige Verträge brauchen, ist das ein realer Vorteil.
Das Argument gegen Konsolidierung
Die Kehrseite: Wenn ein einzelner Anbieter de facto Standard wird, sinkt der Wettbewerbsdruck. Preise könnten steigen, Innovation könnte nachlassen, und Kunden, die tief in ThingPark integriert sind, haben begrenzte Exit-Optionen.
Vendor Lock-in in IoT-Plattformen ist besonders problematisch, weil es nicht nur um Software geht – es geht um Geräte-Provisionierung, Netzwerk-Konfigurationen, Daten-Pipelines und oft jahrelange Verträge. Ein Wechsel von ThingPark zu einer Alternative ist kein Wochenendprojekt.
Wer sich mit den Risiken von Plattformabhängigkeit im IoT-Bereich tiefer beschäftigen möchte, dem sei unsere Analyse zu Vendor Lock-in und Build-vs-Operate-Entscheidungen empfohlen.
ChirpStack vs. ThingPark: Ein neutraler Vergleich
Als Betreiber, der auf ChirpStack Managed Hosting setzt, stehen wir naturgemäß auf der Open-Source-Seite. Doch ein ehrlicher Vergleich erfordert, beide Seiten fair darzustellen.
ThingPark – Stärken
- Marktposition: Größtes Ökosystem, meiste Pre-Integrationen, größter Device-Katalog
- Enterprise-Features: Roaming (TEX), FUOTA, DLMS, Multi-Technologie (LoRaWAN + NB-IoT + LTE-M)
- Support: 24/7 mit SLAs, für Tier-1-Kunden bewährt
- Compliance: Zertifizierungen und regulatorische Konformität out-of-the-box
ThingPark – Schwächen
- Proprietär: Kein Quellcode-Zugang, Abhängigkeit vom Anbieter
- Kosten: Lizenzbasiertes Modell, das mit Gerätezahlen skaliert
- Flexibilität: Anpassungen nur im Rahmen der vorgesehenen APIs möglich
- Exit: Migration zu anderen Plattformen ist aufwändig
ChirpStack – Stärken
- Open Source: Vollständiger Quellcode, keine Lizenzkosten
- Flexibilität: Jede Komponente kann angepasst oder ersetzt werden
- Unabhängigkeit: Kein einzelner Vendor kontrolliert die Plattform – community-driven, ohne kommerzielle Firma dahinter
- API-first: gRPC-API für Integrationen, Cloud-Provider-Anbindungen, Web-Interface für Gateways/Devices/Tenants
- Vollständige Device-Klassen: Class A, B und C Support
- Community: Aktive Entwicklergemeinschaft, schnelle Feature-Adoption
- Kosten: Keine Gerätelizenzen, nur Infrastrukturkosten
ChirpStack – Schwächen
- Enterprise-Features: Kein natives Roaming, kein DLMS, kein Multi-Technologie-Support
- Support: Community-basiert, kein garantierter SLA (ohne Managed-Hosting-Anbieter)
- Integration: Weniger Pre-Integrationen, mehr DIY erforderlich
- Skalierung: Möglich, erfordert aber eigene Expertise
Die Realität
Für viele Betreiber ist die Entscheidung nicht entweder-oder. ChirpStack eignet sich hervorragend für Organisationen, die technische Kontrolle priorisieren, spezifische Anpassungen brauchen und die Expertise haben (oder einkaufen), ihren Stack zu betreiben. ThingPark ist die Wahl für Unternehmen, die ein schlüsselfertiges System mit maximaler Integration und minimalem operativem Aufwand suchen.
Die Netmore-Actility-Übernahme verstärkt ThingParks Position im Enterprise-Segment. Gleichzeitig macht sie den Fall für Open-Source-Alternativen nicht schwächer – im Gegenteil: Je dominanter ein einzelner proprietärer Anbieter wird, desto wichtiger werden unabhängige Alternativen als strategische Option.
Markt-Implikationen: LoRaWAN im Kontext
LoRaWAN vs. NB-IoT/LTE-M
Die Konsolidierung im LoRaWAN-Markt findet nicht im Vakuum statt. NB-IoT und LTE-M, die von Mobilfunkbetreibern vorangetrieben werden, sind der permanente Wettbewerb. Actilitys Multi-Technologie-Ansatz (ThingPark unterstützt auch NB-IoT und LTE-M) ist hier relevant: Netmore positioniert sich nicht als reiner LoRaWAN-Anbieter, sondern als LPWAN-Plattform.
Das ist strategisch clever. Kunden müssen sich nicht für eine Funktechnologie entscheiden – sie können je nach Use Case die optimale Technologie wählen und trotzdem eine einzige Plattform nutzen.
Druck auf kleinere Anbieter
Für kleinere LoRaWAN-Netzbetreiber und Plattformanbieter wird die Luft dünner. Ein konsolidierter Marktführer mit Skaleneffekten, einem breiten Partner-Ökosystem und den finanziellen Ressourcen eines Infrastrukturinvestors ist ein formidabler Wettbewerber.
Mögliche Reaktionen:
- Spezialisierung: Fokus auf Nischen (z.B. bestimmte Verticals oder Regionen), die für den großen Player unattraktiv sind
- Open-Source-Differenzierung: Positionierung als unabhängige, flexible Alternative
- Partnerschaften: Integration in das Netmore/Actility-Ökosystem statt Konkurrenz
- Konsolidierung: Weitere M&A-Aktivitäten als Reaktion
Europa als IoT-Schlachtfeld
Bemerkenswert ist die europäische Dimension: Netmore (Schweden), Actility (Frankreich), Orange (Frankreich), KPN (Niederlande), Swisscom (Schweiz). Die Konsolidierung findet in Europa statt, mit europäischen Playern. In einer Branche, die oft von US- und chinesischen Tech-Unternehmen dominiert wird, ist das zumindest beachtenswert.
Fazit: Eine neue Ära für LoRaWAN
Die Übernahme von Actility durch Netmore markiert einen Wendepunkt. Zum ersten Mal gibt es einen Player, der die Größe, die Technologie und die Partnerschaften hat, um LoRaWAN als globale Infrastruktur – nicht nur als Nischentechnologie – zu positionieren.
Ob das gut oder schlecht ist, hängt von der Perspektive ab. Für Enterprise-Kunden, die Stabilität und Integration suchen, ist es ein positives Signal. Für Betreiber, die Unabhängigkeit und Flexibilität schätzen, ist es ein Weckruf – und ein Argument mehr, auf offene, selbst kontrollierte Infrastruktur zu setzen.
Die LoRaWAN-Welt wird nach dieser Übernahme eine andere sein. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell sich die Dynamik verändert – und wer sich wie positioniert.
Geschrieben von
Timo Wevelsiep
Co-Founder & CEO
Co-Founder von merkaio. Baut IoT-Infrastruktur und Managed Operations für Unternehmen weltweit. Fokus auf LoRaWAN, Open-Source-IoT-Plattformen und skalierbare Sensor-Deployments.
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